Enttäuschter Kinderwunsch
von Christoph Maas
Der Kaffeepott war halb leer auf dem Frühstückstisch stehengeblieben. Das Marme-ladenbrötchen nur einmal angebissen. Alina`s Blick fiel auf das Alpenveilchen, das ein trauriges Dasein fristete. Die Blüten hingen schlapp herunter. Ihr fehlte in den letzten Tagen sogar die Kraft, das Töpfchen zu gießen. Tante Margot hatte es in der vorigen Woche mitgebracht. Diese Frau redete furchtbar viel und konnte einfach nicht zuhören. Alles dreht sich um sie selbst. In der Spüle stand noch das schmutzige Geschirr vom Abend zuvor. Alina schaute aus dem Fenster, besser gesagt, sie starrte hinaus, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Der Turm von der Jakobskirche grüßte unter einem strahlend blauen Himmel. Der späte September brachte noch einmal angenehmes Sommerwetter, obwohl Alina sich eher frostelig fühlte. Sie zog ihre Beine auf den Stuhl. Ihr fehlte jede Kraft, in der Wohnung irgendetwas zu putzen oder aufzuräumen. Warum war Noah derart aus der Haut gefahren? In den vergangenen Tagen wirkte er schon irgendwie fahrig. Spät am Abend im Bett drehte er sich sofort zur Wand und reagierte nicht mehr. Alina hatte doch heute morgen lediglich gesagt, dass sie es gern noch ein einziges Mal probieren würde. Das war schon zu viel. Sie nahm ihre Tasse in beide Hände und trank sehr langsam einen Schluck. Inzwischen war der Kaffee schon kalt. Sie merkte es gar nicht. Alina war froh, an diesem Tag frei zu haben. Am späten Nachmittag würde sie ihren Mann ohne irgendwelche Wünsche und Fragen begrüßen und es ihm so schön wie möglich machen. Doch er kam nicht wie gewohnt nach Hause. Alina wartete fast zwei Stunden. Dann wählte sie auf dem Handy seine Nummer. Erst beim dritten Versuch meldete er sich. „Ich brauchte noch etwas Zeit für mich. Verzeih mir, dass ich heute morgen so wütend abgehauen bin.“ Alina hörte, wie Noah weinte. Plötzlich tat er ihr richtig leid, obwohl sie vorher noch wütend auf ihn gewesen war.
Noah hatte nach der Arbeit eine kleine Kneipe in der Nähe seiner Firma aufgesucht und zwei Bier und einen Schnaps getrunken. Weil er immer die Straßenbahn zur Arbeit und zurück nahm, war es keine Problem. Jetzt betrat er die Wohnung. Alina eilte auf ihn zu und nahm ihn, ohne etwas zu sagen, fest in die Arme. Noah schluchzte. Er schien ziemlich fertig zu sein. Als sie sich wieder voneinander gelöst hatten und er Schuhe und Socken auszog, stand er wie ein kleiner Junge vor ihr, als habe er etwas ausgefressen. „Ich bin so dankbar, dass du wieder bei mir bist.“ Alina bekam die Worte kaum heraus. Sie steckten ihr im Hals. Beide weinten und nahmen sich wieder in die Arme. „Bitte vergib mir“ sagte sie unter Tränen. „Ich will nichts mehr von dir verlangen.“ Noah streichelte seine Frau liebevoll. „Verzeih´ du mir, dass ich mich in die Kneipe verdrückt habe. Ich kam mir so schlecht dabei vor.“ Alina sagte nur: „Alles gut. Hauptsache, du bist jetzt bei mir.“ Sie küsste ihn.
Bald saßen die beiden in der Couch, dicht aneinandergedrängt, und schwiegen. Plötzlich sagte Noah ganz unvermittelt: „Du glaubst, dass es diesmal gelingen könnte.“ Er sprach es wie eine Feststellung aus. Alina antwortete nicht direkt. „Wir müssen mit dem Thema nicht mehr anfangen. Der wichtigste Mensch für mich bist du.“ „Du doch auch für mich“ antwortete Noah und gab ihr einen Kuss auf die rechte Wange.
Die beiden hatten ein enttäuschendes Jahr durchlebt, nach drei Versuchen in der Klinik für Reproduktionsmedizin. Drei Mal blieb Alina ohne eine Schwangerschaft. Die Nerven lagen blank. Beide schwiegen und hielten die Augen geschlossen. Noah war nach dem Gefühlsausbruch wieder nach Hause zurückgekommen. Alina`s schlimmste Befürchtungen hatten sich nicht bestätigt. Hauptsache, er war wieder bei ihr. Er wusste, wie anlehnungsbedürftig seine Ehefrau war. „Lass´ mich bitte an deinen Gedanken teilhaben“, sagte Noah nach längerer Pause. Alina überlegte einige Augenblicke, so dass Noah schon unruhig wurde. „Du wirst mich vielleicht auslachen.“ Noah legte seine Hand auf ihren Arm. „Nein, das tue ich nicht.“ Sie schaute ihm tief in die Augen. „Vor ein paar Tagen, du warst schon weg zur Arbeit, saß ich noch ein paar Minuten am Frühstückstisch und schaute hinaus. Plötzlich setzte sich ein kleiner Vogel auf die Fensterbank und blickte mich direkt an. Gerade vorher spürte ich noch mal diese unendliche Traurigkeit. Es war mir vorgekommen, als sei unser Kind gestorben, dass wir gar nicht haben.“ Noah nickte verständnisvoll. „Was hat der Vogel damit zu tun?“ „Ich weiß es nicht“ antwortete Alina. Es schien mir so, als hätte er … eine gute Botschaft für mich.“ Sonst reagierte Noah immer verständnislos bei undefinierbaren Schilderungen. Er wusste, dass seine Frau gerne Träumereien nachhängt. Aber diesmal hielt er es aus. Alina schaute ihn prüfend an. Noah nickte. Er wollte jetzt auf keinen Fall etwas kaputt machen. „Vor ein paar Tagen bin ich Frau Langenroth aus dem Nachbarhaus begegnet. Wir haben uns ja schon ein paar Mal unterhalten. Sie weiß auch von unserem Kinderwunsch. Sie sagte mir zum Schluss ´Vertrauen sie Gott. Er macht keine Fehler´. Mehr hat sie nicht gesagt. Und dann der Vogel.“ Noah überlegte. Dann sagte er: „Ich will das so akzeptieren, was sie gesagt hat. Aber wir beide wissen zu gut, dass es keinen Gott geben kann. Er ist eine Fiktion von ängstlichen Menschen.“ Alina setzte ihren nachdenklichen Blick auf. „Das stimmt. Ich sehe es ja auch so … oder wissen wir vielleicht doch nicht alles?“ „Das mag sein … aber ich halte mich lieber an nachweisbare Fakten.“ Es gab wieder eine längere Pause. Noah fing an: „Mausebär, wie ich einschätze, hat dieser Besuch des Vogels für dich eine besondere Bedeutung.“ Alina nickte. „Okay, wenn das so ist (er kämpfte innerlich gegen seinen Grundsatz, aber wollte Alina entgegenkommen), dann lass uns noch einen Versuch machen.“ Alina schnaufte tief durch und fiel ihm um den Hals. In den kommenden Wochen machten die beiden die gesamte Prozedur der künstlichen Befruchtung noch einmal durch. In den entscheidenden Tagen ließ Alina sich krankschreiben. Und Noah nahm Urlaub. Diesmal sollte es wirklich gelingen. Alina dachte immer wieder an den kleinen Vogel, der ihr anscheinend die bedeutungsvolle Botschaft überbracht hatte, woher auch immer. An einem der Tage traf sie Frau Langenroth vor dem Haus. „Ich werde für sie beten“ versprach die Frau. Alina und Noah lebten in einer unerträglichen Anspannung. Sie war fest davon überzeugt, dass es diesmal klappt. Doch es kam wieder zu einer unerwünschten Blutung. Für Alina brach eine Welt zusammen. Noah hatte sich erst gar nicht auf eine Hoffnung eingelassen. Er hielt Alina sehr lange in den Armen. Sie wollte nicht mehr leben. Jedes Mal, wenn sie junge Frauen mit Kinderwagen sah, geriet sie innerlich in Panik. Wäre Noah nicht gewesen, sie hätte sich etwas angetan. Davon war sie überzeugt.
An einem der nächsten Abende, es war noch nicht spät, klingelte es an der Tür. Am liebsten hätten sie gar nicht geöffnet. Als es jedoch zum dritten, vierten Mal klingelte, fragte Noah in die Muschel, wer denn da sei. Frau Langenroth meldete sich. Dann stand sie in der Wohnung. „Ich möchte gerne mit ihnen sprechen“ sagte sie. Nachdem Alina berichtet hatte, dass es diesmal wieder nicht geklappt hat, nahmen sie in der Couchecke Platz. „Ich möchte ihnen von einer guten Freundin erzählen. Sie arbeitet beim Jugendamt. Gestern wurde ein Säugling in die Babyklappe unserer Klinik gelegt. Ein Mädchen. Ich habe Frau Förster, so heißt meine Freundin, von Ihnen erzählt.“ Alina stockte der Atem. Noah machte innerlich dicht. Ein fremdes Kind kam für ihn nicht in Betracht.
Frau Langenroth wartete ein paar Augenblicke ab und beobachtete die Gesichter der beiden. Alina schaute sie fragend an. Noah blickte unter sich. Dann fuhr sie fort: „Es gibt eine Warteliste mit Paaren, die gerne ein Baby adoptieren möchten. Das ist sicher so. Frau Förster sagte mir allerdings, dass sie einen Ermessensspielraum habe. Denken sie bitte einmal darüber nach.“ Alina und Noah schauten sich jetzt fragend an. „Sie meinen also eine Adoption“ sagte Alina. „Wenn es so seinen Weg geht, ja. Die leibliche Mutter bekommt immer noch eine Frist, falls sie sich doch für ihr Kind entscheiden sollte.“ „Und dann muss ich es wieder abgeben?“ Frau Langenroth nickte. „Das überstehe ich nicht“ kam es ganz leise aus Alina´s Mund. Jetzt fühlte sich Noah ermutigt, zu sagen: „Tut mir leid, aber ein fremdes Kind kann ich mir nicht vorstellen.“ Frau Langenroth ermutigte die beiden, bis zum nächsten Tag in Ruhe darüber nachzudenken. Wenn sie sich für diesen Weg entscheiden würden, müssten sie ein Seminar besuchen, um eine Pflegeerlaubnis zu bekommen. Das Baby könnten sie allerdings schon in den nächsten Tagen zu sich nach Hause holen.“
Die beiden reagierten am nächsten Tag nicht auf das Angebot, auch in den Tagen danach nicht. Alina´s Verlustängste blockierten sie. Und Noah hatte ein unverrückbares „Nein“ gesagt. Es zogen ein paar Wochen hin. Alina ging wie gewohnt ihrer Arbeit in der Stadtbibliothek nach. Und Noah entwickelte in seiner Firma eine neue Software für einen mittelständischen Betrieb. Das Leben der beiden hatte sich normalisiert. Bis zu jenem Tag, als Noah einen Anruf erhielt, den sich kein Mensch wünscht. Er hatte gerade in der Kantine seinen Teller geleert, als sich sein Cousin Martin meldete. Noah spürte sofort, dass etwas passiert sein musste. „Marina und Torsten sind vorhin tödlich verunglückt, mit dem Auto“ berichtete Martin mit tränenerstickter Stimme. Den Kindern sei nichts passiert. Sie waren bei Noah´s Eltern zu Besuch; die zweijährige Nichte Clara und der vierjährige Neffe Ben. Marina war die einzige Schwester von Noah. Die Kollegen schickten Noah sofort nach Hause, nachdem sie davon erfahren hatten. Er fuhr zur Bibliothek und holte Alina ab. Als sie zu Hause ein wenig zu sich gekommen waren, erwähnte Alina ganz leise, mehr zu sich selbst: „Heute morgen saß der kleine Vogel wieder auf der Fensterbank und schaute mich an. Das kann nicht von ungefähr sein.“ Noah nickte nur. Am Abend rief sein Vater an. Ein ausführliches Gespräch war emotional nicht möglich. „Könnt ihr Clara und Ben zu euch nehmen?“ fragte er. „Du weißt, dass es Mama nicht gut geht. Mir fehlt auch die Kraft.“ Noah sagte ohne zu zögern zu, ohne vorher mit Alina darüber zu sprechen. Von ihr kam allerdings kein Einwand. Noch am selben Abend fuhren sie die hundertsechzig Kilometer lange Strecke zu Noah´s Eltern. Wenige Wochen später hatten sich die beiden Kinder ganz gut in ihrem neuen Zuhause eingelebt. Sie waren immer schon in Noah vernarrt gewesen. Er zeigte sich für jeden Spaß offen. Zu Alina fanden sie auch schon bald eine Beziehung. Sie nahm sich erst einmal unbezahlten Urlaub, um sich ganz um Clara und Ben kümmern zu können. Immer wieder tauchte der kleine Vogel in ihren Gedanken auf, der ihr eine wichtige Nachricht überbringen wollte. Irgendwie war sie vorbereitet gewesen. Es musste doch außerhalb der sichtbaren Welt etwas geben. Oder sogar jemanden.
An einem Sonntag gingen die vier durch den Stadtpark spazieren. Clara sagte inzwischen „Mama“ und „Papa“. Ben blieb noch beim „Onkel“. Alina nannte er mit ihrem Namen. Ein Kollege aus dem Handballverein kam ihnen entgegen. „Oh, hallo, ich wusste gar nicht, dass du … dass ihr Kinder habt. Hast du nie von erzählt.“ Noah schmunzelte. „Ja, das ist Clara und das hier der Ben.“ Ben wollte es nicht so stehen lassen. „Eigentlich ist das mein Onkel. Aber jetzt ist das mein Papa.“ Dann zeigte er auf Alina und sagte: „Und das ist meine Mama.“ Der Sportkollege wirkte ein wenig verwirrt. „Also, einen schönen Sonntag noch. Wir sehen uns.“ Alina liefen ein paar Tränen übers Gesicht. So sehr gerührt hatte sie die Aussage von Ben. Wenige Monate später, Clara war inzwischen drei geworden, wurde die Adoption vom Familiengericht dokumentiert. Als Noah und Alina an dem Abend zusammensaßen, nachdem die Kinder schon schliefen, erzählte sie noch mal von dem Vogel. „Er ist seitdem nicht mehr aufgetaucht. Sein Auftrag war erledigt. Jetzt bin ich fest davon überzeugt, dass irgendwo, außerhalb der sichtbaren Welt mitgedacht und mitgeplant wird. Noah konnte sich diesem Eindruck jetzt auch nicht mehr so ganz erwehren.
Nachtrag: Als Autor dieser Geschichte und meine Ehefrau haben selbst Erfahrungen mit dem Thema gemacht und sind in anderer Weise eine Familie geworden. Später durften wir Ehepaare beraten, einfach zuhören und von unseren Erfahrungen erzählen. Der andere Weg kann sehr herausfordernd und auch erfüllend sein. Gerne dürft Ihr mit mir Kontakt aufnehmen.