Lebensmanagement
von Christoph Maas
Von „Zeitmanagement“ redete in vergangenen Jahren alle Welt. Es wurden jede Menge Bücher und speziell ausgestattete Kalender zu dem Thema angeboten. Jeder Nutzer erlag dem Traum, seine Zeit noch effektiver zu nutzen, aus den vierundzwanzig Stunden eines Tages noch viel mehr rauszuholen, sogar mit Hilfe von Multitasking (gleichzeitig mehrere Dinge tun). Inzwischen ist die Stimme der Zeit Manager verklungen. Heute geht es mehr um
„Lebensmanagement“. Die Namen klingen unterschiedlich. Teure Wochenenden im 5-Sterne-Hotel mit ausgeklügeltem Programm und Yoga. Es scheinen völlig neue Angebote zu sein. Eigentlich ist das alles so alt wie die Menschheit selbst. Die Grundidee meint, dass unsere Lebensbereiche in Balance zueinander stehen müssen, damit es uns Menschen gut geht.
Die 4 Bereiche des Lebens sind „Arbeit und Leistung“, „Gesundheit und Körper“, „Familie und private Beziehungen“, „Sinn- und Zukunftsfragen“. Studien haben gezeigt, dass diese vier Bereiche bei den Deutschen in einem ziemlichen Missverhältnis zueinander
stehen. Der Bereich „Arbeit und Leistung“ liegt mit siebzig Prozent an der Spitze, dagegen machen „Sinn- und Zukunftsfragen“ nur acht bis zehn Prozent aus. Diese nüchterne Beobachtung zeigt, dass der Durchschnitts-Deutsche sich von der Arbeit her definiert und seinem Berufsbild. Auf den ersten Blick scheint das ja ein anerkennenswertes Kriterium zu sein. Schließlich haben wir in unserem Land eine Menge geschafft. Andererseits darf man nicht übersehen, dass psychische Erkrankungen in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen sind, vor allem Depressionen. Das „Burn-out-Syndrom“, keine medizinische Bezeichnung, eher eine gesellschaftlich anerkannte Formulierung, greift um sich. Immer Menschen fühlen sich in unserer Gesellschaft über-fordert. Auch Beziehungen leiden darunter. Dabei haben Teilzeitstellen immer weiter zugenommen. Beziehungen zerbrechen
leichter. Und häufiger wird von Familientragödien berichtet. Hinter den Erfolgsrezepten, sich von der Leistung her zu definieren, macht sich unübersehbar ein gewaltiger Missstand breit.
Betrachten wir einen anderen Bereich, nämlich „Gesundheit und Körper“, dann stoßen wir unweigerlich auf die Wellnessbewegung mit ihren überdimensionierten Gesundheitstempeln. Mit Ölmassagen durch die Klippen einer anstrengenden Gesellschaft. „Tu dir etwas Gutes“ schwirrt in den Köpfen, vieler geplagter Zeitgenossen, die bereit sind, für ein Verwöhnprogramm mehrere hundert-Euroscheine auf den Tisch zu legen oder mit der Smartphone-
App zu bezahlen.
Völlig verändert haben sich „Familie und private Beziehungen“. Kontakte lassen sich heut zu-tage in den sozialen Netzwerken so ganz nebenbei im Internet pflegen. Eltern geben ihre Jüngsten mit gerade etwas mehr als einem Jahr in die Kinderkrippen, früher als unmenschliches DDR-Projekt gebrandmarkt, heute überall heiß begehrt. Patchworkfamilie scheint die neue anerkannte Form zu sein. Alleinerziehende Mütter und Väter erleben totale
Überlastung. Zum ersten Mal haben wir in Deutschland mehr Beratungsstellen als Sport-Einrichtungen. Außerdem verlangt unsere moderne Gesellschaft ein Höchstmaß an Mobilität. Zwischen Wohn- und Arbeitsort können schon mal fünfzig Kilometer und mehr liegen. Zerreißproben für Familien sind vorprogrammiert. Am schlechtesten schneiden „Sinn- und Zukunftsfragen“ im Ranking der vier Lebensbereiche ab. Gerade einmal acht bis zehn Prozent macht das Engagement aus, das schließlich das Leben insgesamt tragen soll. In diesen Bereich gehört der Glaube. Dabei werden wir tagtäglich mit irgendwelchen Statistiken und Umfragen konfrontiert, die unter Beweis stellen sollen, dass Christliche Kirchen an Wert und Anerkennung verlieren. Wenn Kirche es in die öffentlich-rechtlichen Medien schafft, dann möglichst negativ. Wen wundert es, dass die Sonderrechte der Kirchen
immer lauter in Frage gestellt werden.
Die spezielle Einladung
Wie kann ein vernünftiges Lebensmanagement aussehen, das uns in eine gesunde Balance bringt, also in ein Gleichgewicht, das jedem der vier Lebensbereiche die notwendige Aufmerksam widmet? Jesus selbst hat dazu eine Geschichte erzählt, die sich im Lukas-Evangelium der Bibel, Kapitel 14 Verse 16-24, findet: Ein gesellschaftlich angesehener Mann hat viele Gäste zu einem besonderen Empfang mit guten Speisen und Getränken eingeladen. Die Angestellten seines Hauses decken das beste Porzellan auf und die kostbarsten Gläser. Alle Tische liebe-voll dekoriert. Sie wecken die Lust, daran Platz zu nehmen. Hinter dem jeweiligen Teller wartet eine Platzkarte mit dem jeweiligen Namen.
Im Zusammenhang mit dem „Lebensmanagement“ ist die Einladung der entscheidende Faktor. Der durchschnittliche Mensch erhält im Laufe des Lebens höchstens drei bis vier wichtige Einladungen, die seine Zukunft verändern. Davon bleibt eine die aller wichtigste. Darauf hebt Jesus mit seiner Geschichte ab. Man könnte auch sagen, dass ohne die wichtigste Einladung im Leben das Leben insgesamt keine besondere Perspektive zeigt. Und diese wichtigste Einladung ist die, die Gott selbst ausspricht. Somit lautet die erste grundlegende Frage beim Lebensmanagement, ob ich im Bereich „Sinn- und Lebensfragen“ das Fundament für mein Leben gelegt habe. Wie viel Kraft und Zeit investiere ich da hinein? Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter im Karitativen könnten sich auf den ersten Blick mit einem hohen Prozentsatz brüsten. Denn sie tun ja eine ganze Menge. Auch ein fleißiger Beter könnte meinen, dies sei doch ein Beweis für die angemessene Balance im Leben. Jesus geht es jedoch nicht um das Tun, sondern um das Sein. Er hat unser Leben insgesamt im Blick. Wie pflege ich täglich die Beziehung zu Gott? Und wie lasse ich mich von ihm beschenken? Nehme ich immer wieder die Einladung von Jesus zu seinem Empfang an?
Ein leistungsbetonter Zeitgenosse würde sagen, eine Einladung sei ja Zeitverschwendung, es sei denn, sie wäre der Karriere nützlich. Jeder Geschäftsmann weiß, dass eine bestimmte Einladung dem zukünftigen Erfolg seiner Firma nutzen kann. Es gibt also Einladungen im Laufe des Lebens, die man auf gar keinen Fall ausschlagen sollte. Dass so viele Menschen unzufrieden sind, hängt neben anderen Faktoren ganz besonders damit zusammen, dass sie die Einladung Gottes bisher nicht angenommen haben. Wir Menschen sind nun mal von Natur aus dazu bestimmt, in der Beziehung zu ihm zu leben. Unser Leben funktioniert nur, wenn diese wichtigste Beziehung intakt ist. Man muss nicht gleich für längere Zeit in ein Kloster gehen, obwohl viele Manager diese Möglichkeit gerne nutzen. Wichtig bleibt, dass die „Sinn- und Zukunftsfragen“ einen angemessenen Platz im Leben bekommen. Dabei können das Lesen in der Bibel, das Gespräch mit kompetenten Christen, das Gebet und der Besuch von Gottesdiensten eine Hilfe sein. Gott wurde in der Person von Jesus Christus Mensch, um uns auf der menschlichen Ebene zu begegnen. Das Fundament des Lebensmanagements zeigt sich also darin, dass ich die wichtigste Einladung angenommen
habe. Dafür genügt eine schlichte Bereitschaft des Herzens, ein „Ja“ dem Einladenden gegenüber. Und bald schon wird derjenige wahrnehmen, dass sich seine Schwerpunkte im Denken in einer spannenden Weise verändern. Dass „Sinn- und Zukunftsfragen“ sich überhaupt stellen, hat Gott bereits in unseren Genen festgelegt. Denn unser Leben ist auf Beziehung angelegt, grundlegend auf die Beziehung zu Gott, unserem Schöpfer.
Die Priorität erkennen
Die Geschichte der Einladung, die Jesus erzählt hat, hätte in harmonischer Weise weiter-gehen können, wenn einzelne Gäste nicht abgesagt hätten. Der Hausherr hatte seine Diener losgeschickt, um die Gäste abzuholen. Eine vornehme Geste und ein Indiz dafür, dass es sich um hoch angesehene Persönlichkeiten handelte, die zu dem großen Essen am Abend eingeladen wurden. Als ein Diener den ersten Gast erreicht, kassiert er eine Absage. Der Mann hatte soeben Land gekauft, also viel Geld investiert. Er war geradezu besessen von seinem Geschäft und hatte die Bedeutung der Einladung aus dem Sinn verloren. Geld kann blind machen für die viel wichtigeren Fragen des Lebens. Das Vermögen sicher und gewinnbringend anzulegen raubt vielen Menschen den Schlaf in der Nacht. Die Sorge entwickelt sich zu einer latenten Belastung. Deshalb heißt eines der „Hauptlaster“ der Welt „Geld“. Vielen Menschen ist es vergönnt, dass sie durch ein stattliches Vermögen wirtschaftliche Unabhängigkeit gewonnen haben. Sich jeden Wunsch erfüllen zu können führt allerdings häufig zu der gefährlichen Einstellung, das Lebensglück liege in den eigenen Händen. Jesus erzählt von einem zweiten Mann, der abgesagt hat. Er hat kurz vorher fünf Ochsen-Gespanne gekauft, also insgesamt zehn Tiere. Eine solche Anschaffung deutet auf einen Großlandwirt hin. Also jemand, der damals über viele Angestellte verfügte. Traute er ihnen nicht zu, mit den Tieren umgehen zu können? War dieser Mann jemand, der glaubte, immer alles allein tun zu müssen? Hinter der erfolgreichen Fassade dieses Menschen versteckt sich die Lust an der Macht. Er prahlt geradezu mit der großen Investition und gibt zu erkennen, dass er seine Position am Markt erheblich ausgebaut hat. Und somit haben wir hier ein Beispiel für das zweite Hauptlaster der Welt, die „Macht“.
Von einem Dritten wird noch berichtet, der ebenfalls die Einladung abgesagt hat. Ein frisch Vermählter. Auf den ersten Blick empfinde ich für ihn sogar Mitgefühl. Er und seine Frau haben ausgiebig Hochzeit gefeiert, in Israel sieben Tage am Stück. Jetzt möchten sie für sich sein und das junge Glück genießen. Durften sie doch vor der Ehe keinen Sex miteinander haben. Gegen das Glück hat Jesus nichts einzuwenden. Die Entdeckungsreise der körperlichen Liebe kann allerdings derart stark beanspruchen, dass alle möglichen Verpflichtungen aus dem Blick geraten. Und so lässt sich an diesem Beispiel das dritte Hauptlaster der Menschheit erkennen, der „Sex“. Alle drei Geschichten sind an und für sich Erfolgsstories und keinesfalls Geschichten, für die man sich schämen müsste. Alle drei Männer haben sich im Leben positioniert mit Reichtum, Betriebserweiterung und Liebe. Es sind Beispiele für die Autonomie des Handelns, unabhängig Entscheidungen treffen zu können. Jedoch lässt sich ein möglicher Trugschluss erkennen, als sei ein gelungenes Leben machbar. Denn die „Sinn- und Zukunftsfragen“ bleiben bei den dreien ausgeschaltet. Und so bewegen sie sich auf dünnem Eis, wenn sie persönlichen Erfolg mit dem Sinn des Lebens gleichsetzen; also das, was einen auch noch im Sterben trägt. Ich mache es am Beispiel eines Hausbesitzers deutlich, der seinen zweihundert Quadrat-meter kleinen Garten liebevoll pflegt und gestaltet. Deshalb ist er noch kein Fachmann für ökologischen Landbau. Das Lebensmanagement fordert, einen starken Bereich immer in der gesunden Relation zu den anderen zu betrachten. Erfolg blendet.
Die Freiheit (Gefahr), auswählen zu können.
Alle drei Männer aus dem Beispiel von Jesus genießen einen Vorzug. Sie haben die Freiheit, auszuwählen. Sie können es sich leisten, selbst Schwerpunkte zu setzen. Wer diesen Luxus verinnerlicht hat, spielt gerne selbst Gott. Die Erzählung erfährt eine erstaunliche Wende. Eigentlich würde der Leser vermuten, dass der Empfang abgesagt wird. Stattdessen schickte der Hausherr seine Diener erneut los, damit sie Menschen mit Handicap und wirtschaftlicher Armut einladen. Als sich immer noch freie Plätze zeigen, lässt er auch noch Menschen von außerhalb der Stadt holen, möglicher-weise solche mit anderer Nationalität. Alle diese Gäste müssen nehmen, was kommt. Sie wären dumm, wen sie eine solche Einladung ablehnen würden. Sie sind darauf angewiesen, dass sich jemand über sie erbarmt. „Sinn- und Zukunftsfragen“ bilden in ihrem Leben das Übergewicht. Dass sie die Einladung angenommen haben, bringt ihr Leben in Balance. Menschen mit Handicap, körperlich, geistig oder seelisch verursacht, leiden bekannter-maßen darunter, dass sie die Möglichkeiten, die das Leben bietet, nur eingeschränkt nutzen können. Manche fühlen sich wertlos, an den Rand gedrängt. Oft ist es ein Handicap, das man so schnell gar nicht wahrnimmt, etwa die fehlende Lebensfreude, unverarbeitete Enttäuschungen oder Ängste. Die „Sinn- und Lebensfragen“ nehmen einen zu breiten Raum ein. Das wirkt sich zersetzend auf die anderen Bereiche aus. Wer Gottes Hilfe annimmt, wächst auf einmal in seinem Selbstwertgefühl und im Selbstbewusstsein. Unter den Gästen befanden sich wohl auch Menschen mit fremder Nationalität. Viele von ihnen haben ihre Heimat verlassen müssen, befinden sich auf der Flucht und haben Angehörige verloren. In den Ländern, in denen sie aufgenommen wurden, fühlen die sich ausgegrenzt und unverstanden. Ihre geringen Sprachkenntnisse erschweren
den Zugang zu einer für sie fremden Kultur. Die „Sinn- und Lebensfragen“ überdecken die anderen Bereiche. Jesus geht es in seiner Geschichte von dem besonderen Empfang um Erfüllung. Die Absagenden haben sie anderswo gefunden. Die Tatsache, dass sie auswählen konnten, ist ihnen im Rückblick zum Verhängnis geworden. Sie haben sich mit sekundärer Erfüllung zufrieden gegeben. „Die Ersten werden die Letzten sein“, hat Jesus einmal gesagt. Menschen mit Handicap und fremder Nationalität haben ein feines Gespür für das, was echt ist. Ihr Leiden hat seelische Sensoren besonders sensibel gemacht. Man kann sie nicht so leicht täuschen. In diesem Sinne bedeutet Lebensmanagement, sich nicht mit den Errungenschaften zufrieden zu geben, die nur ein annäherndes Gefühl von Erfüllung ermitteln, aber die aller-letzte Erfüllung nicht bieten können.
Die noch leeren Seiten im Leben
Die Geschichte vom außergewöhnlichen Empfang und den unpassenden Absagen lenkt den Blick auf die noch leeren Seiten im Leben. Ich stelle mit dabei eine Biografie vor, die im Laufe der Jahre entsteht. In diesem dicken Schreibheft lässt der Autor bewusst einige Seiten mittendrin frei für das, was noch fehlt und von dem er nicht genau weiß, was es sein könnte. Diese leeren Seiten schwingen bei allen wichtigen Entscheidungen mit. Und so gibt er
jedem außerhalb Gelegenheit, ihn zu beschenken. Die Einladung in der Geschichte steht dafür. Das Lebensmanagement, das der Meister des Lebens, Jesus, uns selbst vorstellt, wird vom Beschenkt-werden bestimmt. Damit unterscheidet es sich von allen Methoden unserer heutigen modernen Denkwelt. Darin dominieren Persönlichkeitstests und Coaching-Programme, damit der Nutzer sein Leben so führen kann, wie es seinen Fähigkeiten und Eigenschaften entspricht. Die optimale Nutzung der eigenen Ressourcen steht dabei immer im Fokus. Was aber ist optimal? Der ultimative Kick, wie wir es heute bezeichnen? Selbst wenn ich mit Hilfe abgefahrenster Coachin-Methoden mein Leben hundertprozentig bauen würde, blieben immer noch leere Seiten, die letzte Unsicherheit, die sich nur im Bereich „Sinn- und Zukunftsfragen“ klären lässt.