Original oder Kopie
von Christoph Maas
In kurzer Hose nahm der erfolgreiche Unternehmer an der Talk-Sendung im Fernsehen teil, während seine Kollegen den obligatorischen Anzug mit Business-Hemd und Krawatte trugen. „Ein mutiger junger Mann“ werden manche Zuschauer gedacht haben, während andere abfällig den Kopf schüttelten. Eine solche Aufmachung passt für viele nicht in die Klischeevorstellungen. Dass sich Menschen über einen solchen Exoten ärgern, zeigt aber etwas von ihrer Sehnsucht, auch einmal aus der Vereinheitlichung hervorzutreten.
Von dem berühmten Maler Pablo Picasso stammt die Aussage: „Der Mensch wurde als Original erschaffen, aber es laufen so viele Kopien herum.“
Hätte ich doch den Mut, mich anders zu geben als die unzähligen Menschen um mich herum. Wie spannend wäre es, meinen eigenen Standpunkt zu vertreten und darin nicht locker zu lassen. Das Wünschen sich viele Menschen, aber ihnen fehlt der Mut. Ihr Angepasst-sein an die Denkstrukturen und Verhaltensnormen der Mehrheit vermittelt ihnen andererseits das angenehme Gefühl, dazuzugehören.
Was sagt der Nachbar dazu? Wie sprechen die Kollegen über mich? Solche Fragen machen abhängig von der Meinung anderer. Und irgendwann bin ich nur noch ein Spielball, der hin- und hergetreten wird.
Das kleine Wörtchen „man“ steht für solche Erfahrungen. Verallgemeinernd, vereinnahmend und unpersönlich kommt es immer dann zum Einsatz, wenn jemandem der Mut fehlt, die ganz persönliche Auffassung dazustellen. Beobachten sie einmal daraufhin Gespräche aller Art!
In der Hörfunkausbildung wurde uns Anfängern das kleine „man“ strikt verboten. Ich erlebte die Herausforderung, wie schwierig es war, eine Meinung als meine ganz eigene darzustellen und mich damit auszuliefern. Es ist ein Unterschied, ob einer sagt: „Ich mähe den Rasen lieber etwas früher, solange noch keine Regenwolken aufziehen“ oder „man mäht den Rasen, wenn er trocken ist.“ Empfinden sie auch den erhobenen Zeigefinger eines Kollektivs in unbestimmter Größe, das für schlechtes Gewissen sorgt? Und wenn alle Nachbarn rechts und links die grüne Fläche bearbeiten. Wie kann ich dann im Haus sitzen bleiben und ein gutes Buch lesen? Das unscheinbare „man“ sorgt dafür, dass ganze Wohnsiedlungen zur selben Zeit frisch gemäht sind, damit kein Hauseigentümer unangenehm auffällt. Dabei fasziniert mich ausgerechnet der Mensch, der sich nicht nach den Klischees richtet, sondern seinen persönlichen Stil lebt. Das Gegenteil von Angepasst-sein muss ja nicht gleich anstößig aussehen. Das Gegenteil ist das unverwechselbare Original mit seinen Eigenarten, Ecken und Kanten. Solche Menschen geben der Welt Farbe.
Die fröhliche Blumenwiese inmitten eines eintönigen englischen Rasens auf den meisten Grund-stücken weckt allerdings nicht die Begeisterung der Nachbarn, sondern ihren Zorn.
Ich befürchte, dass zu viele dieser „man-Leute“ unzufrieden sind, weil sie sich in ein enges Schub-ladensystem eingezwängt vorfinden. Und sie können scheinbar nichts daran ändern. Resignation ist die Folge.
Das Leben ist doch mehr als das, was „man“ gemeinhin tut. Als Christ habe ich dieses „Mehr“ kennen- und schätzengelernt. Seitdem macht nicht mehr das kleinkarierte Denken mein Leben aus, sondern der lebendige Sohn Gottes, Jesus Christus.
Jesus passte bereits damals in kein Klischee seiner Zeit. Er verwendete niemals das Wörtchen „man“, dass jedes Original zu einer Kopie reduziert. Bei ihm ist es ganz anders. Er achtet einen Menschen nicht, wenn er sich brav der Masse anpasst und deshalb von anderen anerkannt wird. Jesus liebt jeden Menschen wie ein Töpfer sein Unikat. Ein Bild, das in der Bibel verwendet wird.
Die moderne Psychologie propagiert den „authentischen Menschen“. Auf den ersten Blick scheint es dabei um genau das Original zu gehen, über das wir hier nachdenken, von Gott einzigartig und unverwechselbar geschaffen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch etwas ganz anderes, nämlich ein extremer Egoismus. Authentizität bedeutet in der heutigen Lehre von der Seele nichts anderes als das Ausleben der eigenen Wünsche. „Leben, so wie ich mich gerade fühle“ sagte jemand. Beziehungen und Kontrollcharakter wirken sich dabei hinderlich aus, weil der authentisch lebende Mensch sich nur um sich selbst dreht. Es scheint fast so, als sei ein Austausch von Begriffen erfolgt. Bisher war nur von „Individualisten“ die Rede. Auf einmal erobert der Begriff „Authentizität“ die Umgangssprache. Die Auswirkungen sind die gleichen.
Worin unterscheidet sich das Leben als Original im Sinne Jesu? Ein wesentliches Merkmal erkenne ich daran, dass jeder Mensch eine einzigartige Schöpfung Gottes ist. Damit ich die Hintergründe und Auswirkungen dieser Schöpfung kennenlerne, brauche ich den Kontakt zum Schöpfer. Seine Gedanken will ich erforschen, weil sie mich so werden ließen wie ich bin. Nur dann wird es gelingen, die Möglichkeiten dieses geschenkten Lebens auszuschöpfen. Schlimme Fehlentwicklungen bleiben mir so erspart.
Ein weiteres Merkmal habe ich bereits erwähnt. Es ist die Liebe Gottes zu jedem Menschen. Er freut sich einfach darüber, dass es Menschen gibt. Vernünftige Wesen, die diese Welt gestalten und ihre Fähigkeiten dafür einsetzen. Eines allerdings macht ihn traurig, dass die meisten seiner Geschöpfe ihn einfach ignorieren. Sie haben sich von ihrem Schöpfer getrennt und sich in ihrem Denken verselbständigt. Mehr noch, unsere Welt spiegelt täglich die allgemeine Auflehnung gegen Gott wider. Der bedrohliche Werteverfall ist nur ein Beispiel dafür. Der Mensch selbst hat sich zum Maßstab gesetzt. Aus dieser falschen Sicht entwickelte sich das unpersönliche „man“. Es ist nicht genau identifizierbar. Ihm fehlt der ganz eigene, unverwechselbare Charakter. „Man“ wird es kaum vermissen, wenn es nicht mehr da ist. Kopien gibt es immer in genügender Menge. Erfolgreiche Wirtschaftszweige leben von der Vereinheitlichung. Beispiele kann ich mir sparen. Firmen bieten entsprechende Produkte an, damit „man“ die nötige Ausstattung besitzt. Der Kundenstamm ist gesichert. Leicht steuerbar ist er auch. Denn die eigene, persönlich gefärbte Lebensauffassung fehlt. Aber auch der Mut ist nicht vorhanden.
Weil der Mensch zum „man“ verkümmert war, von Gott entfremdet, orientierungslos einer perspek-tivlosen Welt ausgeliefert, deshalb wurde Jesus Mensch. Was er täglich zu sehen bekam, waren in sich verkümmerte Menschen, die Gott einmal als einzigartige Originale geschaffen hatte. Jesus weinte sogar einmal, als ihm das Ausmaß dieser Entfremdung bewusst wurde. Gleichzeitig spürte er die Sehnsucht der Menschen, denen er begegnete. Menschen, die irgendwie eine Ahnung hatten, dass ihnen Wesentliches verlorengegangen war.
Gott hatte Mann und Frau geschaffen, der Mensch aber machte das „man“ daraus. Vom Ebenbild Gottes blieb kaum noch eine Spur.
Das ausdrucksvolle Bild des Kreuzes verdeutlicht es: die Vertikale zeigt die Beziehung Gottes zum Menschen und umgekehrt. In der Horizontalen ergeben sich Folgen daraus für das menschliche Miteinander. Wo aber lässt sich die gelebte Vertikale in unserer Welt finden?
„Wachet, steht im Glauben, seid mannhaft und seid stark!“ ruft der Apostel Paulus die Christen auf
(1. Korinther 16, 13). Wer Jesus in sein Leben einbezogen hat, lebt in diesem Glauben. Der Glaube ist die gelebte Beziehung zu ihm. Wer darin lebt, findet zurück zu seiner ursprünglichen Bestimmung. Er legt alles Kopienhafte ab, und das Original kommt wieder zum Vorschein. Versöhnt mit sich selbst und mit Gott. Das ist die wohltuende Erfahrung, die dabei herauskommt. Jesus Christus hat den Preis dafür bezahlt, als er am Kreuz sein Blut für die Trennung des Menschen von Gott vergoss.
Versöhnt zu sein, das ist die notwendige Grundlage für ein Leben als Original. Warum? Fragen Sie vielleicht. Versöhnt zu sein hat eine Mauer wegbrechen lassen und damit eine Beziehungsstörung beendet. Gott kann das Leben des versöhnten Menschen endlich wieder mit seinen einzigartigen Möglichkeiten gestalten. Umgekehrt lernt der Versöhnte neu, auf Gottes Vorstellungen vom Leben zu hören und sie in der Lebenspraxis zu verwirklichen, ohne innerlich dagegen zu rebellieren. Die Bibel schenkt einen tiefen Einblick in die einzigartigen Gedanken Gottes.
Funktioniert das denn? Fragt der gefügige Kopfnicker, der es nie gelernt hat, einen eigenen Standpunkt zu vertreten. Werde ich es durchhalten? Will der trendabhängige junge Mensch wissen, der alles mitgemacht hat, was in seiner Generation „abgeht“. Nein, es wird nicht gelingen, wenn jemand so fragt. Ohne diese starke Beziehung zu Jesus, die jeden Tag gepflegt werden muss, werde ich bald wieder ein „man“ sein. Männer und Frauen, die nicht als langweilige Exemplare einer Kopien-Gesellschaft leben, sondern ihre Originalität zum Vorschein kommen lassen, dafür setzt Jesus sich ein.
Schwerpunkte im Leben verschieben sich, wo ich Jesus Christus die Priorität in meinem Leben zugestehe. Am besten sagen sie es ihm persönlich im Gebet. Damit kommt eine Stärke in ihr Leben, die sie nicht aus sich selbst haben. Für die es auch keinen Bezugspunkt in dieser Welt gibt. Aus einem langweiligen Einheitsmenschen wird somit eine Persönlichkeit, die sich nicht erst nach rechts und links absichert, sondern sich von Jesus bestimmen lässt. Andere werden darauf aufmerksam werden.