Segen als Markenzeichen eines neuen Lebens

von Christoph Maas

Segen als Markenzeichen eines neuen Lebens

 

Einen Brief von einem befreundeten Ehepaar hielt der Mann in den Händen. Die beiden lebten vorübergehend in einem afrikanischen Land und besuchten dort auch einige Missionsstationen. Und so las er ziemlich am Anfang einen Satz, in dem ein Rechtschreibfehler steckte: „Einen großen Sehen hat Gott uns während unserer bisherigen Reise schon geschenkt.“ Er korrigierte die Aussage für sich. Nun hörte es sich richtig an: „Ein großes Sehen hat Gott uns …“. Als sie sich wenige Wochen später begrüßten, bemerkte er spöttisch, sie müssten sich wohl wieder mal mit deutscher Rechtschreibung beschäftigen. Daraufhin fiel den beiden Reisenden auf, dass sie nur einen einzigen, aber doch entscheidenden Buchstaben verwechselt hatten. Es ging ihnen nämlich um „Segen“ und nicht um „Sehen“. Und doch steht beides in einem inneren Zusammenhang.

Der Segen, den Gott uns schenkt, eröffnet ein neues Sehen. Die Sichtweise eines Christen wird durch das Wort Gottes bestimmt, die Bibel, und durch die Hilfe des Heiligen Geistes. Und so sorgte ein kleiner Schreibfehler für ein Aha-Erlebnis. Wir entdecken oft den Segen Gottes nicht, weil wir eine eingeschränkte Betrachtungsweise pflegen. Die Beurteilungskriterien eines diesseitsbezogenen Glaubens neigen dazu, immer nur eine Seite der Medaille im Blick zu haben. Wenn Christen vom Segen Gottes sprechen, dann denken sie in der Regel an Erlebnisse, wo ein Vorhaben geglückt ist oder, wo man reich beschenkt wurde. Wie aber kann eine schwere Erkrankung mit Segen in Verbindung gebracht werden? Oder ein Autounfall? Eine zerbrochene Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich einmal geliebt haben?

 

Segen in umfassender Bedeutung

Segen wird von vielen Christen wie die Sahnehaube auf einem Kuchen betrachtet. Die ist nicht unbedingt lebensnotwendig, aber schmackhaft und angenehm. Manchmal ärgere ich mich, wenn bei persönlichen Erzählungen im Gottesdienst der Eindruck entsteht, als habe Gott bestimmte Menschen durch eine besondere Segenserfahrung bevorzugt, ja, geradezu ausgezeichnet und andere im Regen stehenlassen. Ist Segen nicht generell ein Ausdruck dafür, dass Gott seine Hand in allen Situationen über seine Kinder hält und sich einmischt? In meinem Wohnzimmer steht eine Tonfigur der bekannten Künstlerin Dorothea Steigerwald. Zwei überlebensgroße Hände umfassen einen kleinen Menschen. Das ist in meinen Augen der schönste Ausdruck für das, was Segen bedeutet.

Die biblischen Erzeltern Abraham und Sara haben die Erfüllung der göttlichen Zusagen nicht selbst  erlebt, dass von ihnen eine unübersehbare Zahl von Menschen ausgehen würde. Trotzdem waren sie von Gott gesegnet, weil er sie mit einem einzigartigen Auftrag berufen hatte. Doch Sara war kinderlos. Gott ließ sie im hohen Alter ein Kind zur Welt bringen. Später wurde Abraham´s Glaube auf die Probe gestellt, als er seinen Sohn Isaak zur Ehre Gottes opfern sollte. Solch eine Zumutung geht einem nicht unbedingt als „Segen“ über die Lippen. Schließlich verhinderte Gott es. Er wollte sehen, ob Abraham ihm vertraute. Mir fällt Jeremia ein, einer der großen Propheten im Alten Testament der Bibel. Vierzig Jahre lang hat er vergeblich gearbeitet, nach außen zumindest. Das Volk Israel war in jener Zeit nicht bereit, den Gehorsam Gott gegenüber zu erneuern. War Jeremia deshalb nicht gesegnet?

Erfolgsnachrichten haben im christlichen Leben zu allen Zeiten eine übertriebene Bedeutung, als müsste man sich damit beweisen. Schnell wachsende christliche Gemeinden landen als Beispiele des Segens Gottes in den Schlagzeilen. Megachurches. Während niemand über eine Gemeinde spricht, die schon zwanzig Jahre lang ihre Mitgliederzahl nicht erhöhen konnte. Schnell ist man dann mit Konzepten bei der Hand, um die Attraktivität zu beschleunigen; als seien kleine Gemeinden peinlich.

 

Sahnehauben-Segen

Die Erwartung an den Segen Gottes ist weithin dem Positivismus erlegen, einem Sahnehaube-Glauben. Manche christlichen Richtungen erwecken sogar den Eindruck, als könne man den Segen durch bestimmte Methoden der Hingabe im Glauben erwirken. Der Erfolgsdruck zeigt seine Auswirkungen bis in das persönliche Leben von Christen hinein, die treu ihren Einsatz bringen, sich dabei aber minderwertig fühlen. Es entsteht leicht ein Konkurrenzkampf. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass manche Christen mit ihren Geschichten über vermeintliche Segnungen Gottes vor anderen punkten wollen. Es muss doch Segen sein, wenn die eigene Tochter die besten Noten aus der Schule nach Hause bringt und das Abitur mit Auszeichnung besteht. Was aber ist mit dem befreundeten Mädchen, das stundenlang büffeln muss, um eine einigermaßen akzeptable Zensur zu bekommen. Hier wird Segen mit den Genen verwechselt. Wenn Gott segnet, dann hebt er die unterschiedlichen Veranlagungen der Menschen nicht einfach auf.

Warum soll die Lebensgeschichte eines menschlich gesehen gescheiterten Propheten wie Jeremia eine Segensgeschichte sein? Wo lässt sich der Segen bei Mose, der das Volk Israel durch die Wüste führte, erkennen, der zum Mörder wurde und später nicht in das von Gott verheißene Land einziehen durfte? Wo liegt der Segen bei Mitarbeitern im christlichen Leben, die sich viele Jahre ihre Lebens abgemüht haben ohne nennenswerte Ergebnisse?

 

Segen nicht gleich Erfolg

Hier stoßen wir auf ein Geheimnis: Segen ist nicht messbar! Und Segen ist nicht das Gleiche wie Erfolg. Deshalb konnte ein durch einen Badeunfall querschnittgelähmter junger Mann, den ich kennengelernt habe, sagen, es sei für ihn ein Segen, dass Jesus ihn vor einem ausschweifenden Leben bewahrt habe. Segen zeigt sich sehr oft in den Nachwirkungen. In der Justizvollzugsanstalt erzählte mir ein Gefangener, er sei im nachhinein froh, dass er zwei Jahre hinter Gittern verbringen  müsse. Auf diese Weise könne er über sein bisheriges Leben nachdenken und seine Zukunft verantwortungsbewusst angehen. Auch das kann Segen sein. Das Volk Israel hat während seiner vierzigjährigen Wüstenwanderung oft gemeutert; tatsächlich war es kein Zuckerschlecken. Und trotzdem standen sie unter dem Segen Gottes. Er hatte sie als Volk erwählt und für sie eine Heimat ausersehen, das Gebiet des heutigen Staates Israel.

 

Segen in Jesus Christus

In den biblischen Berichten über Jesus fällt mir auf, wie viele Situationen im Zusammenhang mit Jesus stehen. Er segnet Kinder und fordert auf, Feinde zu segnen. Und bei der Ankündigung des Weltgerichtes spricht Jesus von den „Gesegneten seines Vaters“. Im Alten Testament der Bibel gibt es noch wesentlich mehr Aussagen, die sich mit dem Segen Gottes und mit dem Segnen beschäftigen. In jener Zeit galten auch viele Güter und Tiere als Beweis für Gottes Segen. Vermutlich hängt die Wende in der Bibel damit zusammen, dass Gott uns in Jesus Christus den Segen in Person geschenkt hat. Ohne ihn ist ein Leben im Glauben gar nicht erst möglich.

Am Anfang habe ich darauf hingewiesen, dass „Segen“ und „Sehen“ innerlich in Verbindung zueinander stehen. Jesus hat uns die Möglichkeit einer neuen Sichtweise geschenkt, die sich von den Einschätzungen des natürlichen Menschen völlig unterscheidet. Denn mit dem Glauben nimmt Gottes Heiliger Geist Raum in uns, ohne dass wir es physisch oder psychisch wahrnehmen. Und wenn ich einen Menschen im Namen von Jesus Christus segne, greife ich in den Reichtum Gottes hinein. Er gibt uns Anteil an seiner Macht im guten Sinn und an seinen Gedanken, die wir in der Bibel finden. In diesem heiligen Buch tauchen wir ein in eine vollkommene Gedankenwelt, die staunen lässt.

 

Das Gegenteil von Segen

Vielleicht mag es hilfreich sein, sich einmal das Gegenteil von Segen bewusst zu machen. Denn uns Christen geht es wie allen anderen Menschen. Wir gewöhnen uns leicht an ein erfülltes Leben aus dem Glauben. Worüber ich am Anfang meines Christseins gestaunt habe, entwickelt sich in Gedanken im Laufe der Zeit zur Normalität. Da ist es super, wenn ich einen Menschen erlebe, der so ganz frisch und begeistert mit dem Glauben angefangen hat. Plötzlich werden eigene Erinnerungen wach. Die ursprüngliche Kraft zieht andere mit. Gerade in solchen Begegnungen wird mir das Gegenteil von Segen bewusst, was nicht bedeutet, dass ich ständig euphorisch durch die Gegend laufen muss.

Das Gegenteil von Segen ist auch die Ungeborgenheit; ein Wort, das in unserem Sprachgebrauch gar nicht vorkommt. Und das es womöglich gar nicht gibt. Von Geborgenheit reden wir Menschen gerne. Ein Säugling genießt die Geborgenheit bei seiner Mutter. Ehepartner erleben sie in ihrer glücklichen Beziehung. Dieses Wort ist ein seelischer, emotionaler Ausdruck und ein existenzieller. Das wird deutlich, wenn ein Überlebender aus einem eingestürzten Haus „geborgen“ wird. Geborgenheit trifft also das Leben in seinem Kern. Weiß sich der Mensch, der in seiner Familie Geborgenheit erlebt, darüber hinaus auch mit seinem Leben insgesamt geborgen? Oder tauchen zerstörende Fragen auf? Ist es eine Lebensmelodie in Dur oder in Moll? Diese entscheidenden Fragen lassen sich viele Jahre  verdrängen. Spätestens in einer schweren gesundheitlichen Krise drängt sich das Gefühl der Ungeborgenheit plötzlich auf, in einer angsterweckenden, unangenehmen Weise.

 

Segen zwischen Kreuz und Widerspruch

Der Segen Gottes bettet glaubende Menschen ein in die Liebe, die Jesus ans Kreuz gebracht hat. Egal, ob sich Träume im Leben erfüllen oder nicht. Egal, ob die Vorhaben geraten oder manchmal anders als gewünscht verlaufen. Im Glauben leben wir unabhängig davon aus dem überirdischen Segen Gottes. Das Leben kann uns kräftig schütteln. Trotzdem bleiben Menschen, die Jesus vertrauen, eingebettet in dieser einzigartigen Verbindung. Segen bedeutet nichts anderes, als dass Gott uns allezeit im Blick hat und in jeder Sekunde für uns sorgt, innerlich und äußerlich, auch wenn es zunächst nicht danach aussieht. Und, dass er unsere Lebenswege mitgestaltet. Auch die schlimmsten Erlebnisse stehen unter dem Segen Gottes. Menschen, die Jesus vertrauen, sind nicht einfach einem zufälligen Schicksal ausgeliefert, sondern ein Gegenüber des lebendigen Gottes.

In christlichen Kirchengemeinden entwickeln sich oft Spannungen, wenn einzelne Christen zu Außenseitern werden, weil sie Ansichten vertreten, die nicht mit der Mehrheit konform gehen. Vielleicht sind die unbequemen Fragen oder das Nein bei Entscheidungen sogar berechtigt. Wir brauchen kritisch denkende Mitglieder in Gemeinden, solange die Aussagen der Bibel verbindlich bleiben. Ich kenne auch Christen, die eine unnatürliche, fromme Sprache pflegen, die sich nicht mit ihrer Lebensgestaltung deckt. Sehr leicht sind die meisten geneigt, solchen Menschen den Segen Gottes abzusprechen. Der biblische Apostel Paulus äußert sich zur Grundlage des geistlichen Urteilsvermögens klar: „Der Mensch nimmt mit seinen natürlichen Fähigkeiten nicht das an, was vom Geist Gottes kommt. Er hält es für Dummheit und kann damit nichts anfangen. Denn nur mit Hilfe des Heiligen Geistes kann es richtig eingeschätzt werden (1. Korinther 2, 14). Mancher Kritiker ist schon ein besonderer Segen für eine Gemeinde gewesen. Die meisten neigen jedoch zu einer Engführung der Bedeutung von Segen im Sinne von Erfolgsmeldungen.

 

Segen und ethische Entscheidungen

Besonders deutlich zeigt sich der Widerspruch im ethischen Bereich, also bei der Frage, ob wir die biblischen Werte als Grundlage für die Lebensgestaltung zulassen. Es stimmt mich manchmal nachdenklich, wie großzügig viele Christen damit umgehen. Wer dem Willen Gottes bewusst entgegen handelt, zieht sich aus der Geborgenheit Jesu zurück. Und damit verliert der Segen an Kraft. Das schlechte Gewissen mag noch so etwas wie eine Erinnerung an bessere Zeiten im Christ sein bleiben. Die weit verbreitete Oberflächlichkeit und Beliebigkeit unserer Zeit in Fragen der Glaubensgestaltung haben den unschätzbaren Wert des Segens oft in den Hintergrund geschoben. An die Stelle Gottes tritt der Mensch selbst. Die selbstkonstruierte Freiheit steht den segensreichen Lebensentwürfen der Bibel entgegen. Dabei wird uns gerade im Segen Gottes die echte Freiheit geschenkt. Menschen unserer Zeit sind nicht auf Segen aus, sondern auf die scheinbar unbegrenzten Vorteile einer modernen Welt; wenn sie dann wirklich so modern sind. Eine Welt ohne verbindliche Werte ist jedoch wertlos.

 

Segen und Anspruchsdenken

Ein weiteres Hindernis im Blick auf den Segen Gottes sind die falschen Ansprüche eines Christen. Sie lassen sich an einem weit verbreiteten Denkfehler verdeutlichen, nämlich, dass Gott diejenigen äußerlich bevorzugen würde, die an Jesus Christus glauben. Manchmal war ich in meinem eigenen Leben versucht, so zu denken. Vielen Nichtchristen und Atheisten geht es wirtschaftlich und gesundheitlich häufig besser als manchen Christen, die sich für Anliegen Jesu  mit aller Kraft ein-setzen. Kurzsichtig gedacht liegt darin tatsächlich ein Widerspruch. Menschen mit Jesus fühlen sich vernachlässigt. Nicht einmal die Gebete um Besserung scheint Gott zu erhören.

Ich kenne eine Familie mit einem schwerstbehinderten Kind. Die Eltern leben im Glauben an Jesus. Ein paar Jahre arbeiteten sie sogar im Missionsdienst in Afrika. Da liegt die Frage nahe, ob Gott vielleicht einen Fehler gemacht hat. Was machte es für einen Sinn, dass die Familie wegen der Erkrankung ihres Kindes ihren Einsatz abbrechen musste? So denken wir menschlich. Dabei haben wir nicht das Ganze im Blick, so, wie Gott es aus seiner Sicht betrachtet. Die großen Zusammen-hänge des Lebens bleiben uns verborgen.

Während wir Menschen den Segen Gottes gerne auf konkrete Erlebnisse beziehen, hat er das Leben umfassend im Blick. In der neuen Welt Gottes wird es seine Erfüllung und Vollendung finden. Wer sich diese Perspektive schenken lässt, kann schwere Erfahrungen im Leben besser einordnen.

Schlussendlich möchte ich betonen, dass Menschen, die im Glauben an Jesus Christus und damit unter seinem Segen leben, eine starke Zuversicht haben. Gott macht keine Fehler! Er handelt nur anders, als wir es uns wünschen. Deshalb lohnt es sich, der Bibel, dem Wort Gottes, fest zu vertrauen. Der Segen Gottes bleibt als Glanz unseres Lebens. Im Rückblick werden wir es am Ende unseres eigenen Lebens erkennen.

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